In Ruanda leben laut nationaler Behörden ca. 5% der Bevölkerung mit einer Behinderung, das entspricht einer Zahl von 522.856 Menschen. Die WHO (World Health Organization) geht jedoch von 15% aus, wenn man die geschichtlichen Ereignisse beachtet.

Viele dieser Menschen sind nicht in der Lage aktiv am Arbeitsleben teilzunehmen, da sie von der Gesellschaft ausgeschlossen sind, weil es keine angemessenen Arbeitsplätze für ihre Art der Beeinträchtigung gibt, oder weil ihr Handicap sie so stark beeinträchtigt, dass es ihnen schlichtweg nicht möglich ist.

Der Sektor Ndora wird vor allem durch die extreme Armut seiner Bevölkerung charakterisiert, die schon oft Hungersnöten ausgesetzt war, so dass viele Menschen ins Nachbarland Burundi flüchten, welches direkt an den Distrikt Gisagara grenzt. Laut des Nationalen Rates für  Menschen mit Behinderung (NCPD – National Conseil for People with Disability) lebten die Menschen mit Beeinträchtigung lange Zeit in sozialer Ausgrenzung. Diese Feststellung machte auf die Abwertung des Lebens der Menschen mit Behinderung aufmerksam, wie etwa bei der Berufsausbildung, der Achtung ihrer Entscheidungen, der Achtung der Menschenrechte, etc.

Der „National Conseil“ (Nationaler Rat) wurde im Jahr 2011 zur Verteidigung der Rechte von Menschen mit Behinderung gegründet. Zielsetzung ist die Herstellung von Chancengleichheit sowie Anerkennung und Berücksichtigung ihrer besonderen Lebenssituation bei allen Entscheidungen auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Artikel 3 des Gesetzes zum Schutz der Menschen mit Beeinträchtigung schreibt dabei die rechtliche Gleichstellung fest. Zudem wollen viele Menschen, die mit einer Behinderung leben, arbeiten. Laut NCPD existieren inzwischen landesweit über 1.500 Kooperativen, die mit Menschen mit Behinderung zusammenarbeiten.

Die Kooperative URUGWIRO in Ndora ist eine dieser Stellen. Die Mitglieder zeigen großes Engagement eine berufliche Tätigkeit aufzunehmen. Eine Tätigkeitsaufnahme käme auch dem Plan der ruandischen Regierung zur Armutsbekämpfung (Economic Development for Poverty Reduction Strategy: EDPRS I und II) entgegen, welcher ebenfalls in der Vision 2020 eingebettet ist. Zurzeit leben laut EDPRS II 45% der Menschen in Ruanda in Armut. Andere Quellen sprechen jedoch von einem weitaus höheren Index – ca. 65%. Bis 2018 sollen es laut Vision 2020 nur noch 30% sein. Durch die Aufnahme einer Tätigkeit könnten so auch die Menschen in Ndora ihren Beitrag zur Armutsbekämpfung leisten.

Durch die Etablierung von handwerklichen sowie agrarischen Tätigkeiten, die trotz Beeinträchtigung praktikabel sind, möchten die Mitglieder der Kooperative, für die ihre Behinderung oft mit einem Gefühl der Scham verbunden ist, ihre Fähigkeiten und Stärken dennoch zu Nutze machen. Diejenigen, die aufgrund der Art und Stärke ihrer Behinderung (meist geistige Beeinträchtigung) nicht arbeiten können, werden durch ein Familienmitglied vertreten.

Die Kooperative hat bereits mit der Feldarbeit begonnen (bisher wurde Reis im Moor Ndoras angebaut), sie planen zusätzlich die Entwicklung weiterer Tätigkeitsfelder, wie die Schaffung einer Näh- und Strickwerkstatt, einer Schuhmacherei, Bildende Künste, etc.

Der Ausbau dieser Bereiche ist nötig, da nicht alle Mitglieder der Kooperative bei der Feld- arbeit teilnehmen können. Nun soll daher zunächst eine Strickwerkstatt im Gebäude der Handwerker von YEGO (Youth Empowerment Growth Opportunities Convention) eingerichtet werden, die in verschiedenen Handwerksbereichen tätig sind. In der Werkstatt sollen die Menschen mit physischer Behinderung sowie die Eltern von Kindern mit geistiger Beeinträchtigung eine Möglichkeit haben, zu arbeiten.

Die Problemstellung

Die Kooperative URUGWIRO besteht aus 104 Menschen, darunter Personen mit physischem Handicap und Eltern von Kindern, die mental beeinträchtigt sind. Momentan beschränkt sich die Tätigkeit der Kooperative auf den Reisanbau im Moor Ndoras. Ein großer Teil der Mitglieder kann jedoch nicht dabei helfen, da diese Arbeit für sie aufgrund ihrer Behinderung nicht ausführbar ist. Damit sie jedoch nicht beschäftigungslos bleiben, möchte die Kooperative ihnen nun die Möglichkeit geben, eine andere Tätigkeit neben der Feldarbeit auszuführen. Da die Mitglieder der Kooperative aus einer sehr ländlichen Gegend und aus einkommensschwachen Familien kommen, ist es ihnen nicht möglich, die Strickwerkstatt, die dafür vorgesehen ist, mit eigenen Mitteln aufzubauen.

Die Arbeitslosigkeit der Menschen führt zudem zu Bettelei und Kriminalität in der Region um Huye. Mit Hilfe ausreichender Arbeitsplätze könnte die Arbeitslosigkeit reduziert und somit der Kriminalität und Bettelei entgegengewirkt werden. Bisher führten die schlechten Lebensbedingungen der Menschen mit Beeinträchtigung dazu, dass sie aus ihrer Wohnumgebung flüchteten und häufig am Rand der Gesellschaft lebten. Sie waren sozial ausgegrenzt  und  häufig nicht in der Lage, den eigenen Grundbedürfnissen und denen ihrer Familien nachzukommen.

Der Lösungsvorschlag

Um der obengenannten Problematik entgegenzuwirken, möchte die Kooperative URUGWIRU eine Strickwerkstatt eröffnen, um einkommensschaffende Arbeitsplätze zu generieren. Die Mitglieder der Kooperative haben sich für das Stricken entschieden, da sie diese Arbeit im Sitzen verrichten können. Dies ist beim bisherigen Reisanbau nicht möglich, weshalb einige Mitglieder der Kooperative nicht dabei helfen können. Zudem gibt es in Ndora bisher nicht die Möglichkeit Strickwaren zu erwerben, die Menschen fahren bisher dafür in das ca. 30 Minuten entfernte Huye. Da ein Strickpollover jedoch Teil der Schuluniform ist und somit in großen  Mengen hergestellt werden muss, ist ein Absatzmarkt in Ndora garantiert.

Mit der Eröffnung der Strickwerkstatt könnten also die Menschen mit Handicap sozio-ökonomisch in die Gesellschaft integriert werden und aufgrund eines soliden Einkommens ihre schlechten Lebensbedingungen verbessert werden.

Der Distrikt Gisagara hat bereits Räumlichkeiten der Handwerker von YEGO für das Projekt zugesagt.

Die Aktivitäten und Ziele des Projekts

Der Projektablauf besteht aus drei Phasen. In der ersten Phase erhalten 20 Mitglieder der Kooperative eine 4-monatige praktische Ausbildung, um das Handwerk des Strickens zu erlernen. Während dieser Zeit sollen alle zuvor angeschafften Strickmaschinen einmal pro Monat gewartet werden, um sicher zu stellen, dass sie voll funktionsfähig sind. Die Ausbildung soll nicht nur die praktischen Fähigkeiten der Teilnehmenden verbessern, sondern auch die Qualität der Produkte.

Die zweite Phase des Projekts besteht aus einem 4-tägigen Workshop zum Aufbau der Verwaltung und dem Management der gesamten Kooperative. Weitere 20 Mitglieder, darunter auch Mitglieder der Strickwerkstatt, die lesen und schreiben können, werden im oben genannten Bereich weitergebildet, damit sich eine dauerhafte und gut funktionierende Einrichtung etabliert.

Schließlich folgt die dritte und wichtigste Phase des Projekts. Dies ist die Phase, in der die Mitglieder die Produktion aufnehmen, einen Absatzmarkt erschließen und eigenständig umsetzen müssen, was sie während der vorhergehenden Workshops gelernt haben. Während dieser Zeit wird das rheinland-pfälzische Koordinationsbüro in Kigali die Kooperative in verschiedenen Zeitabschnitten besuchen, um das Projekt zu begleiten und schlussendlich zu evaluieren.

Aufgrund der technischen Ausstattung ist jede Person theoretisch fähig, mindestens 2 Pullover pro Tag zu stricken, die für mindestens 3500 FRW verkauft werden. Das Einkommen wird unter den Beschäftigten aufgeteilt und ein kleiner Teil fließt als Rücklage in die Kooperative. Mit Hilfe dieses Einkommens sollte es den Mitgliedern und ihren Familien möglich sein, ihre Grundbedürfnisse (Krankenversicherung, Ernährungssituation, Sicherung der Schulbildung der Kinder u.s.w.) zu decken. Darüber hinaus ist die Strickwerkstatt ein wichtiger Schritt, um die Menschen in die Gesellschaft zu integrieren und ihr Leben trotz der gegebenen Umstände erfolgreich zu bestreiten.

Unsere Fördermaßnahmen

  • 2016:
    Errichtung einer Strickwerkstatt für Menschen mit Behinderungen
    Projektkosten: 5.080,35 Euro
  • 2016:
    Seminar für Traumaverarbeitung und Konfliktbewältigung.
    Projektkosten: 548,78 Euro.
  • 2017:
    Anlegen einer Bananenplantage und einer Schweinezucht
    Projektkosten: 7.207,32 Euro.

Ansprechpartner:

Thilo Leonhardt
Telefon: 02661 9847742
E-Mail: thilo.leonhardt@ruandahilfe-hachenburg.de